Badische Zeitung vom Donnerstag, 14. November 2002
Auf eine Wasserpfeife in die Teestube

"Die Iraner sind überhaupt nicht verschlossen": Neun Schüler verbrachten 10 Tage in Freiburgs Partnerstadt Isfahan

Die Frauen dort tragen Kopftücher. Das Land wird auch Persien genannt und liegt direkt neben Saddam Husseins Irak. Viel mehr wissen die meisten Deutschen nicht über den Iran. Anders neun Zwölftklässler des Freiburger Goethe-Gymnasiums: Auf Einladung von Freiburgs Partnerstadt Isfahan verbrachten sie im Oktober zehn Tage im Iran. Sie trafen auf neugierige und weltoffene Menschen.

Am 19. Oktober machten wir uns auf den Weg in eine andere Welt, in den Iran. Schon im Flugzeug, als wir das iranische Hoheitsgebiet erreichten und die Frauen ihr Kopftuch aufsetzten, knüpften einige von uns Kontakte mit Iranern. In Teheran angekommen, stürzten wir uns per Bus in einen Verkehr, wie wir ihn uns zuvor nicht hatten vorstellen können. Auf den Straßen herrschte reines Chaos, doch die Menschen schienen damit klarzukommen.
In Isfahan begrüßte uns ein Vertreter der Stadtverwaltung herzlichst mit Blumen und Geschenken. Sofort war klar, dass wir uns hier in guten Händen befinden. Im Laufe der nächsten Woche brachen eine Fülle neuer Eindrücke über uns herein: Da war die überwältigende Architektur aus den verschiedenen Geschichtsepochen der Stadt Isfahan, in der wir teilweise östliche und westliche Kultur nebeneinander sehen konnten. Wir besuchten auch Orte, die Touristen normalerweise nicht sehen dürfen. Zum Beispiel besichtigten wir einen Tempel der alten Zarathustra-Religion, in dem schon seit 1500 Jahren dasselbe Feuer brennt sowie eine Ausgrabungsstätte bei Arisman, mitten in der Wüste, wo deutsche Archäologen eine jahrtausendalte Kultur gefunden haben, die man noch gar nicht genau bestimmen kann.
Außerdem hatten wir das große Glück, die Gastfreundschaft und Offenheit der Iraner kennen zu lernen. Einige Male luden uns persischen Familien zu sich nach Hause ein. Beeindruckend war das Zusammengehörigkeitsgefühl, das dort herrschte. Manchmal kam es uns vor, als ob wir selber schon dazu gehörten. Unsere Gastgeber taten alles, damit wir uns wohl fühlten. Sie boten uns immer wieder die unglaublichsten Leckerbissen an, manchmal von ganz exotischem, unbekannten Geschmack und dazu hervorragenden Tee. Als wir einmal eine Gruppe Jugendlicher zum Essen einladen wollten, mussten wir fast schon darum betteln.
Unsere Freizeit verbrachten wir oft in einer der vielen Teestuben, wo wir eine Wasserpfeife rauchten. Wir spazierten einfach nur am Fluss Zayandehrud, der Isfahan zu einer grünen Stadt macht, entlang. Wir schlenderten durch den Bazar mit seinen tausend Gassen und Läden, der von exotisch duftenden Gewürzen bis zu normalen Haushaltswaren alles zu bieten hat, was das Herz begehrt. Wer Handeln konnte, war beim Einkaufen klar im Vorteil. Wir Europäer fielen natürlich sehr auf. Es vergingen oft keine fünf Minuten, bis wir von Iranern oder Iranerinnen, meist Jugendlichen, angesprochen wurden. Sie waren sehr interessiert an Deutschland und Europa und baten uns immer wieder, die Vorurteile gegenüber der islamischen und der iranischen Kultur aus dem Weg zu räumen.
In den vielen Begegnungen auf der Straße oder in den Familien haben wir schnell gemerkt, dass viele Menschen in Deutschland ein ganz falsches Bild und leider auch viele Vorurteile über das Leben im Iran im Kopf haben. Die Iraner sind überhaupt nicht verschlossen. Viele sprechen ziemlich gut englisch. Die Fremdsprache ist für sie ein Tor zur Welt. Beim Besuch eines der besten Gymnasien der Stadt konnten wir auch mit iranischen Schülern sprechen. In den Schulen sind die Geschlechter getrennt. Mädchen außerhalb der Familie verhalten sich oft schüchtern gegenüber Jungen. Sie gehen ihnen automatisch aus dem Weg und ziehen dabei ihr Kopftuch etwas tiefer ins Gesicht. So verhielten sich persische Mädchen auch unserer gemischten Gruppe gegenüber. Doch durch ihr Getuschel merkten wir, wie interessiert sie an uns waren.
Unter den Jugendlichen im Iran gibt es verschiedene Gruppen: Einige hielten sich uns gegenüber eher zurück, andere kamen auf uns zu, flirteten und sprachen sogar offen über Politik, und nicht wenige baten uns um Kontakte in Europa. Ein wichtiges Ereignis im Laufe der Woche war der Empfang bei Isfahans Oberbürgermeister Mohammad Javadi. Dieser war uns sofort sympathisch, denn er wollte nicht lang offiziell bleiben, sondern lockerte die Stimmung durch persönliche Fragen, Witze und humorvolle Kommentare auf.
Bei Besichtigungen von einigen Bauprojekten der Stadt sahen wir, wie sich Isfahan weiterentwickelt. Man merkte, wie stolz die Iraner auf ihre Leistungen sind, denn sie wollten uns alle modernen Projekte der Stadt zeigen, obwohl wir "nur" Schüler waren und nicht besonders viel davon verstanden.
Zwei Tage begleiteten uns ein Kameramann und ein Pressefotograf. Die Fotos erschienen dann auch zusammen mit einem Interview in der Zeitung. Jeder von uns bekam ein Album geschenkt. Sogar die Stadtnachrichten im Fernsehen berichteten zweimal über uns. Als Fazit der Reise können wir sagen, dass wir viele neue Erfahrungen gesammelt haben und dass uns sowohl die historische und wunderschöne Stadt mit ihrer atemberaubenden Kultur als auch besonders die Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit der Menschen fasziniert haben. Für uns alle war es eine sehr wichtige Reise, die manches falsche Bild, das einige von uns im Kopf hatten, korrigiert hat. Es ist uns klar geworden, dass es viel öfter solche Fahrten geben sollte.

Mariam Salavati und Christina Stolz

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen