Dr. Wolfram Köhler

Iraner und Deutsche radeln durch Rheinland-Pfalz

Eine vorbildliche Aktion der Städtepartnerschaft zwischen Freiburg i. Br. und Isfahan

DSCI1953Freiburg im Breisgau unterhält seit 2001 mit Isfahan die einzige Partnerschaft zwischen einer deutschen und einer iranischen Stadt. Neben gängigen Aktionen – Bürgerreisen, Delegationen, kulturelle Begegnungen, Ausstellungen – fördern Touren mit dem Mountainbike den Kontakt auf Bürgerebene zwischen beiden unterschiedlichen Städten. Der Anstoß zu dieser ungewöhnlichen Partnerschaft ging von Isfahan aus, die iranische Metropole wollte vom ökologischen Know-how der badischen "Green City" profitieren und wohl auch ein wenig Auslandskontakte pflegen. Dieses Jahr kam ein Dutzend Iraner für etwa drei Wochen nach Freiburg. Den Gästen sollte diesmal nicht die Umgebung mit Schwarzwald und Kaiserstuhl gezeigt werden. Einstimmig fiel die Wahl auf Rheinland-Pfalz. Berge, Wälder, Felslandschaften, Weinberge, schmucke Ortschaften, kulturelle Sehenswürdigkeiten und ein gefälliges Auf und Ab für unterschiedlich ambitionierte Radler sprachen für diese Tour.

Anfang Juli ist es soweit. Die iranischen Radler – sechs Frauen und ebenso viele Männer – haben ein geschätztes Durchschnittsalter von 35 Jahren, einige sprechen Englisch, das Leiterduo und die Initiatoren der mittlerweile sechs Radtouren - Sara und Masud - beherrschen die deutsche Sprache. Das Alter der deutschen Begleiter ist wesentlich höher. Dieser Altersunterschied tut der freundschaftlichen Atmosphäre keinen Abbruch. Die Iraner sind stets "gut drauf" und für jeden Spaß zu haben.

Empfang in FrankfurtDas Abenteuer "500 km Radfahren für die Freundschaft" nimmt in Worms seinen Lauf. Vor dem Tritt in die Pedale wird die alte Reichsstadt erkundet. Themen einer kurzweiligen Stadtführung sind Dom, Lutherdenkmal und jüdischer Friedhof, doch der ist leider geschlossen – es war Sabbat (Samstag, 1. Juli), so bleibt nur ein Blick durch den Gitterzaun. Aufmerksamkeit im Dom erregen die bunten Glasfenster, der Barockaltar und die Petrusstatue mit dem blank polierten rechten Fuß, Zeichen der Verehrung durch Betasten, eine auch in iranischen Sakralgebäuden übliche Sitte. Mit dem Namen "Luther" können die Iraner nichts anfangen. Um 19 Uhr beeindruckt das gleichzeitige Läuten mehrerer Kirchenglocken im näheren Umkreis – wie im Iran die Stimmen der Muezzine von mehreren Minaretten herab bei Sonnenuntergang. Die lange Einkaufsnacht in der Wormser Innenstadt just an diesem Tag macht das Shopping zum "Highlight", sofern es das begrenzte Budget der Iraner zulässt. Die illustre Gruppe lässt sich am Stand der Wormser Zeitung ihre individuelle Zeitungstitelseite gestalten. Übernachtung in der Nibelungen-Jugendherberge mit Blick auf den Dom.

MittagspauseDie mit Spannung erwarteten Fahrräder werden am anderen Morgen mit einem Transporter angeliefert, dabei auch drei E-Bikes, zum Ausgleich unterschiedlicher individueller Fahrradstärken. Azar, die sportliche Iranerin und Bezwingerin des mit 5610 m höchsten iranischen Berges Damavand, lässt zum Frühsport antreten. Lockerungs- und Dehnungsübungen machen die Gruppe fit für die 50 Kilometer der Tagestour nach Neustadt an der Weinstraße. Dann erschallt aus mehreren Kehlen der Ruf "berim, berim!" - Los geht´s, in persischer Sprache, auch für uns Deutsche gewohntes Fanal zum Aufbruch: Punkt zehn Uhr verlässt die bunte Truppe in einheitlich grünen T-Shirts die Stadt Worms, verstärkt durch einige Radler aus Freiburg. Die Iranerinnen verzichten hierzulande gerne auf das Kopftuch unter dem Helm und lange, nicht eng anliegende Fahrradkleidung - wie im Iran vorgeschrieben. An diese Kleidervorschrift haben sich auch die deutschen Radlerinnen im Iran zu halten. Doch es wäre verfehlt, diese "Äußerlichkeit" mit einer Benachteiligung der Frau im Iran gleichzusetzen. Erst auf den „zweiten Blick“ eröffnen sich Beweggründe, die diese vereinfachte Sichtweise in ein anderes Licht rücken.

Vor dem Standesamt bei WormsBald nach Worms gibt es den ersten Fotostopp. Die Iraner wollen Bildmaterial an Ort und Stelle versenden oder zur Erinnerung an eine außergewöhnliche Reise mit nach Hause nehmen - hier ein auffallendes Standesamt außerhalb eines Dorfes. Eine vorlaute Stimme vergleicht dessen turmähnliches Aussehen mit einem – Gefängnisturm. Eine Weinkellerführung in Mußbach zeigt die gar nicht vermutete Wissbegier der Iraner am Thema Wein: Weinlese, Gärung, Lagerung in Edelstahl- und Eichenholzfässern, Sortenvielfalt - ist es der Reiz des Verbotenen? Alkohol ist im islamischen Iran ein absolutes Tabu. Dessen war sich schon Goethe in seinem "West-östlichen Divan" bewusst: "Da wird nicht mehr nachgefragt! Wein ist ernstlich untersagt." Für die Verpflegung sorgen zwei Begleitfahrzeuge mit Picknick und Grillen auf halber Strecke an einem lauschigen Ort. Das Bild der Mittagsruhe danach im Schatten von Bäumen erinnert ein wenig an das Gemälde „Das Schlaraffenland“ von Bruegel. Die schönen Orts- und Landschaftsbilder in der Pfalz verleiten die Isfahanis immer wieder zu Fotostopps oder waghalsigen Fotomanövern während des Fahrens. Das Fahrrad erweist sich als ideales Fortbewegungsmittel, durchschnittliches Tagespensum etwa 50 Kilometer. Unterwegs veranstalten die Gäste manchmal eine „Fahrrad-Disko“ mit Musikgerät auf dem Gepäckträger, die Gruppe radelt beschwingt im Takt mit. Oder Schwimmen in einem See. Nächstes Tagesziel nach Neustadt ist Bad Bergzabern, dann Dahn im Dahner Felsenland. Die roten Sandsteinformationen mit lustigen Namen (Braut und Bräutigam, Ungeheuerfelsen) werden auf dem Felsenpfad erwandert und erklettert, das Fahrrad hat Pause. Der Ortsname des nächsten Tagesziels – Enkenbach-Alsenborn – verleitet die Iraner zu Gedächtnis- und akrobatischen Sprachübungen. Kurz nach dem beschwerlichen Aufstieg zur Ebernburg hoch über dem Flusstal der Alsenz bricht am nächsten Nachmittag ein Gewitter mit Starkregen aus, die Iraner genießen solche Wetterextreme. Die Aussicht auf das grandiose Landschaftspanorama erscheint danach umso klarer. Die Gradierwerke bei Bad Kreuznach am nächsten Tag sind für Iraner und Deutsche ein Novum – gesunde Meeresbrise und salzhaltige Luft fern von Meer und Ozean. Dann endlich der Rhein bei Bacherach, Radabgabe hier, auch wenn wir noch keine 500 Kilometer zurückgelegt haben. Eine beschauliche Schifffahrt mit dem Schaufelraddampfer "Goethe" führt uns vorbei an stolzen Burgen, Schlössern und steilen Weinlagen, zeigt den Besuchern aus dem Orient deutsche Landschaften wie aus dem Bilderbuch. In Rüdesheim endet die Dampferfahrt, die hoch über dem Rheintal thronende Jugendherberge bietet - nach schweißtreibendem Aufstieg einen herrlichen Rundblick. Zu guter Letzt wird das Niederwalddenkmal besucht und fotografiert und hinunter geht´s mit der Seilbahn zum Bahnhof Rüdesheim. Hier endet die Tour durch Rheinland-Pfalz in unserem benachbarten Bundesland, von dessen abwechslungsreicher Schönheit auch die Begleiter aus Freiburg wenig Ahnung haben.

Solche Abenteuer ermöglicht eine funktionierende Städtepartnerschaft, die für ein Verständnis unterschiedlicher Kulturen ohne modehafte multikulturelle Denkmuster beiträgt, um Goethe in seinem "Divan" zuzustimmen: "Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."

Wäre das keine Anregung für die traditionsreiche Stadt Worms, eine solche ungewöhnliche Partnerschaft zu wagen? Interesse seitens einer iranischen Stadt ist sicher vorhanden und von unserer Freiburger Seite aus kann vorbehaltlos dazu geraten werden.

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