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"Freude, schöner Götterfunken" erklang gestern Abend zur Probe im
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Es ist ein einzigartiges Projekt: Nach mehr als einem Jahr Planung werden
rund 300 Sängerinnen und Sänger des Freiburger Bachchors, des Bachorchesters,
aus allen neun Partnerstädten und aus Colmar am Samstag Beethovens 9. Symphonie
im Konzerthaus aufführen. Und nicht nur das. Während dieser Woche lebte die
riesige Musikergruppe — insgesamt 22 Nationen sind hier versammelt — bei Proben
und dem touristischen Rahmenprogramm das "Beethoven-Projekt" bereits: Alle
Menschen werden Brüder — und Schwestern sowieso.
Mittwoch abend im proppevollen Ebneter Theodor-Egel-Saal: Zum ersten Mal proben
alle Sängerinnen und Sänger gemeinsam. Einige, wie etwa die ukrainischen Sänger
aus Lviv, haben eine anstrengende Anreise hinter sich. Nicht nur deshalb gibt es
donnernden Applaus, als Chorleiter Hans Michael Beuerle alle Chöre einzeln
vorstellt.
Am Samstag zuvor waren die ersten angereist und bei ihren Gastfamilien oder in
Hotels untergekommen. "Wir wohnen im Ebneter Schloss" , erzählt Hassan
Ezzatzadeh aus Isfahan, und "oh, oh" , lacht Barbara Hess aus Madison, "habt ihr
da etwa Diener?" Aufgekratzt sind sie alle, glücklich und aufgeregt. Beim ersten
Zusammentreffen hat es gleich gezündet: Die Spanier sangen Flamenco, die
Japanerinnen ein Volkslied, die Amerikaner antworteten mit Anfeuerungssongs aus
dem Football-Stadion, die Iraner mit einem Liebeslied, der Bachchor revanchierte
sich mit dem Badnerlied.
Nicht nur für die Gastgeber, auch für die Gäste ist das "Beethoven-Projekt" ein
großes Abenteuer. Einige, die daheim nur zehn Tage Jahresurlaub haben, haben
diesen kurzerhand in die Probenwoche verlegt und ihre Partner mitgebracht.
"Phantastisch, wonderful, merveilleux" sei es hier, versichern sie vielsprachig.
Zumal sich Bachchor und Stadtverwaltung ins Zeug gelegt und ein großes
Rahmenprogramm organisiert haben mit Stadtführungen, Weinproben, Theaterbesuchen
und Empfängen. Nein, Kuckucksuhren hätten sie nicht gekauft, lächelt Kimiko
Yakahashi aus Matsuyama, "noch nicht" .
Für die "verrückte Idee" , alle Chöre in einem Partnerschaftsprojekt
zusammenzubringen, hat der Bachchor mehr als ein Jahr lang gearbeitet. Etwa 1300
Mails wurden verschickt, hat Freimut Bahmann vom Bachchor nachgerechnet, um
alles zu organisieren. Die Stadtverwaltung hat das Projekt mit 5000 Euro
unterstützt, viele Helferinnen und Helfer arbeiten unentgeltlich dafür. Auch
André Roth, der über 80-jährige Leiter des Kathedralchors Colmar, ist glücklich.
Für ihn ist das "Beethoven-Projekt" die Krönung seines Lebenswerkes: die
grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aller Chöre.
Und die ist wirklich grenzüberschreitend — Musik ist hier die universale
Sprache. "Die ,Ode an die Freude’ haben wir daheim schon geprobt" , sagt
Mercedes Monteoliva-Sanchez aus Granada. "Alle Sänger sind perfekt vorbereitet"
, bestätigt Bahmann. Und dass, obwohl das Repertoire nicht einfach ist.
"Beethoven war beim Komponieren schon taub, deshalb müssen wir alle hoch singen,
vor allem die Soprane" , sagt David Susan aus Madison. "Für Japaner ist die
deutsche Aussprache nicht einfach" , weiß auch Kimiko Yakahashi. Deshalb werden
bei den Konzerten immer zwei Mitglieder des Bachchors neben zwei Gästen sitzen.
Ganz, wie es Beethoven gefallen hätte.
Die Konzerte: Heute abend, 20.30 Uhr, Martinskirche: Abendmusik.
Romantische A-cappella-Chöre und einzelne Gästechöre mit Musik aus ihrer Heimat.
Eintritt frei, Spenden erbeten. Morgen früh, Samstag, 11 Uhr, Konzerthaus:
Öffentliche Generalprobe Beethovens 9. Symphonie. Eintritt frei, Spenden
erbeten. Das Konzert am Samstag abend ist ausverkauft.
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"Überm Sternenzelt" . Auch das fällt wohl unter die Kategorie
Jubiläum. 1972, vor 35 Jahren, wurde Beethovens Melodie zu "Freude, schöner
Götterfunken" per Beschluss des Ministerkomitees des Europarats zur
"Europahymne" bestimmt. Niemals zuvor und danach wurde die Musik eines
Klassikers so sehr zum identitätsstiftenden Instrument. Weshalb Hans Michael
Beuerle am Samstag im ausverkauften Freiburger Konzerthaus vermutlich jedes noch
so phänomenale Chorwerk zur Aufführung hätte bringen können: Beethovens Neunter
kommt nichts an Symbolgehalt gleich.
"Alle Menschen werden Brüder" . Der Schriftsteller Dieter Hildebrandt hat
das als "Hymnus auf die Vergeblichkeit" , als "Sinfonie des Sisyphos"
bezeichnet. Die Geschichte mag ihm recht geben. Und doch kann Sisyphos für einen
Moment pausieren. Wenn man die rund 250 Sänger des Freiburger Bachchors und elf
weiterer Chöre aus sämtlichen Partnerstädten Freiburgs erlebt, bekommt die
Utopie für kurze Zeit Gestalt, eine ganz klare und schlanke obendrein. Denn
dieser Gemeinschaftschor ist das Ereignis des Abends: keine amorphe Masse, kein
klanglich bunt zusammengewürfelter Partnerschaftshaufen, sondern ein stimmlich
hochdifferenziert gestaffelter Klangkörper. Und der agiert geradezu vorbildlich
im Hinblick auf Intonation, Artikulation und Dynamik.
Die Suche nach den Wurzeln
des Jahrtausendwerks
"Sie im Chor der Engel stehen" . Vor allem ist es dem Dirigenten
gelungen, die Sängerinnen und Sänger aus Freiburg, Besançon, Colmar, Granada,
Guildford, Innsbruck, Isfahan, Lviv, Madison, Matsuyama und Padua zu einer
gestalterischen Homogenität zu führen, die allem Brachialen, Monumentalen und
Hemdsärmeligen, das man diesem Hymnus allzu oft angedeihen lässt, abschwört.
Eine bemerkenswerte Leistung.
"Laufet Brüder eure Bahn" . Vieles ist auch Routine. Etwa die Solisten:
Catriona Smith (mit bemerkenswerter Höhe), Anja Jung (mit warmem Timbre aber
etwas zurückhaltendem Ausdruck), Christian Elsner (mit leuchtendem, kräftigen
Tenor) und der ganz kurzfristig eingesprungene Andreas Macco (mit elegant
nasalem Bassbariton) agieren auf erfreulichem Niveau. Das wiederum schwankt beim
— ebenfalls multinationalen — Orchester leider. Etwa im extrem schnellen Scherzo
oder generell bei vielen Übergängen und Tempowechseln, wo Beuerles Dirigat an
Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt. Erfreulich wiederum ist auch hier die
klangliche Disposition, die dem in jeder Hinsicht expressiven Gestus der Musik
gerecht zu werden sucht.
"Hat ein Geist sich aufgeschwungen" . Dass die Aufführung nicht nur nach
blindem Jubel sondern sozusagen nach den Wurzeln, nach der Genese eines
Jahrtausendwerks sucht, unterstreicht die philologische Ernsthaftigkeit des
Projekts. So gesehen kann man in der Tat die "charakteristische" (Beethoven)
Ouvertüre um den scheiternden römischen Helden Coriolan und seine
c-Moll-Fantasie für Klavier, Chor und Orchester als Stationen in des Komponisten
allzeit zähem Ringen um die optimale Ausdrucksform begreifen, als Prototypen aus
dessen Versuchsküche. Denn gerade die formalen Merkwürdigkeiten der Fantasie
erschließen sich nur vor dem Hintergrund der Neunten. Tibor Szász macht dieses
Ringen im Klaviersoloteil ganz greifbar, obwohl auch sein Vorwärtsdrang gegen
Ende der Fantasia auf Grenzen stößt. Die Utopie des Abends, sie kommt hier schon
im Chorfinale zum Ausdruck: "Wenn sich Lieb’ und Kraft vermählen, lohnt den
Menschen Göttergunst" . Der frenetische Beifall nach Konzertende war dennoch von
Menschenhand.