Badische Zeitung vom Freitag, 9. November 2007 

Eine Freiburger Ode an die Freude Abo

Höhepunkt eines einzigartigen Projekts: Der Bachchor und Chöre aus allen Partnerstädten Freiburgs treten gemeinsam auf

Von unserer Redakteurin Simone Lutz

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"Freude, schöner Götterfunken" erklang gestern Abend zur Probe im ...mehr

Es ist ein einzigartiges Projekt: Nach mehr als einem Jahr Planung werden rund 300 Sängerinnen und Sänger des Freiburger Bachchors, des Bachorchesters, aus allen neun Partnerstädten und aus Colmar am Samstag Beethovens 9. Symphonie im Konzerthaus aufführen. Und nicht nur das. Während dieser Woche lebte die riesige Musikergruppe — insgesamt 22 Nationen sind hier versammelt — bei Proben und dem touristischen Rahmenprogramm das "Beethoven-Projekt" bereits: Alle Menschen werden Brüder — und Schwestern sowieso.

Mittwoch abend im proppevollen Ebneter Theodor-Egel-Saal: Zum ersten Mal proben alle Sängerinnen und Sänger gemeinsam. Einige, wie etwa die ukrainischen Sänger aus Lviv, haben eine anstrengende Anreise hinter sich. Nicht nur deshalb gibt es donnernden Applaus, als Chorleiter Hans Michael Beuerle alle Chöre einzeln vorstellt.

Am Samstag zuvor waren die ersten angereist und bei ihren Gastfamilien oder in Hotels untergekommen. "Wir wohnen im Ebneter Schloss" , erzählt Hassan Ezzatzadeh aus Isfahan, und "oh, oh" , lacht Barbara Hess aus Madison, "habt ihr da etwa Diener?" Aufgekratzt sind sie alle, glücklich und aufgeregt. Beim ersten Zusammentreffen hat es gleich gezündet: Die Spanier sangen Flamenco, die Japanerinnen ein Volkslied, die Amerikaner antworteten mit Anfeuerungssongs aus dem Football-Stadion, die Iraner mit einem Liebeslied, der Bachchor revanchierte sich mit dem Badnerlied.

Nicht nur für die Gastgeber, auch für die Gäste ist das "Beethoven-Projekt" ein großes Abenteuer. Einige, die daheim nur zehn Tage Jahresurlaub haben, haben diesen kurzerhand in die Probenwoche verlegt und ihre Partner mitgebracht. "Phantastisch, wonderful, merveilleux" sei es hier, versichern sie vielsprachig. Zumal sich Bachchor und Stadtverwaltung ins Zeug gelegt und ein großes Rahmenprogramm organisiert haben mit Stadtführungen, Weinproben, Theaterbesuchen und Empfängen. Nein, Kuckucksuhren hätten sie nicht gekauft, lächelt Kimiko Yakahashi aus Matsuyama, "noch nicht" .

Für die "verrückte Idee" , alle Chöre in einem Partnerschaftsprojekt zusammenzubringen, hat der Bachchor mehr als ein Jahr lang gearbeitet. Etwa 1300 Mails wurden verschickt, hat Freimut Bahmann vom Bachchor nachgerechnet, um alles zu organisieren. Die Stadtverwaltung hat das Projekt mit 5000 Euro unterstützt, viele Helferinnen und Helfer arbeiten unentgeltlich dafür. Auch André Roth, der über 80-jährige Leiter des Kathedralchors Colmar, ist glücklich. Für ihn ist das "Beethoven-Projekt" die Krönung seines Lebenswerkes: die grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aller Chöre.

Und die ist wirklich grenzüberschreitend — Musik ist hier die universale Sprache. "Die ,Ode an die Freude’ haben wir daheim schon geprobt" , sagt Mercedes Monteoliva-Sanchez aus Granada. "Alle Sänger sind perfekt vorbereitet" , bestätigt Bahmann. Und dass, obwohl das Repertoire nicht einfach ist. "Beethoven war beim Komponieren schon taub, deshalb müssen wir alle hoch singen, vor allem die Soprane" , sagt David Susan aus Madison. "Für Japaner ist die deutsche Aussprache nicht einfach" , weiß auch Kimiko Yakahashi. Deshalb werden bei den Konzerten immer zwei Mitglieder des Bachchors neben zwei Gästen sitzen. Ganz, wie es Beethoven gefallen hätte.

Die Konzerte: Heute abend, 20.30 Uhr, Martinskirche: Abendmusik. Romantische A-cappella-Chöre und einzelne Gästechöre mit Musik aus ihrer Heimat. Eintritt frei, Spenden erbeten. Morgen früh, Samstag, 11 Uhr, Konzerthaus: Öffentliche Generalprobe Beethovens 9. Symphonie. Eintritt frei, Spenden erbeten. Das Konzert am Samstag abend ist ausverkauft.

 

 Badische Zeitung vom Montag, 12. November 2007 

Sisyphos macht eine Pause Abo

Freiburg: Beethoven, Beuerle und die Brüderlichkeit

"Überm Sternenzelt" . Auch das fällt wohl unter die Kategorie Jubiläum. 1972, vor 35 Jahren, wurde Beethovens Melodie zu "Freude, schöner Götterfunken" per Beschluss des Ministerkomitees des Europarats zur "Europahymne" bestimmt. Niemals zuvor und danach wurde die Musik eines Klassikers so sehr zum identitätsstiftenden Instrument. Weshalb Hans Michael Beuerle am Samstag im ausverkauften Freiburger Konzerthaus vermutlich jedes noch so phänomenale Chorwerk zur Aufführung hätte bringen können: Beethovens Neunter kommt nichts an Symbolgehalt gleich.

"Alle Menschen werden Brüder" . Der Schriftsteller Dieter Hildebrandt hat das als "Hymnus auf die Vergeblichkeit" , als "Sinfonie des Sisyphos" bezeichnet. Die Geschichte mag ihm recht geben. Und doch kann Sisyphos für einen Moment pausieren. Wenn man die rund 250 Sänger des Freiburger Bachchors und elf weiterer Chöre aus sämtlichen Partnerstädten Freiburgs erlebt, bekommt die Utopie für kurze Zeit Gestalt, eine ganz klare und schlanke obendrein. Denn dieser Gemeinschaftschor ist das Ereignis des Abends: keine amorphe Masse, kein klanglich bunt zusammengewürfelter Partnerschaftshaufen, sondern ein stimmlich hochdifferenziert gestaffelter Klangkörper. Und der agiert geradezu vorbildlich im Hinblick auf Intonation, Artikulation und Dynamik.

 

 

Die Suche nach den Wurzeln

des Jahrtausendwerks

 



"Sie im Chor der Engel stehen" . Vor allem ist es dem Dirigenten gelungen, die Sängerinnen und Sänger aus Freiburg, Besançon, Colmar, Granada, Guildford, Innsbruck, Isfahan, Lviv, Madison, Matsuyama und Padua zu einer gestalterischen Homogenität zu führen, die allem Brachialen, Monumentalen und Hemdsärmeligen, das man diesem Hymnus allzu oft angedeihen lässt, abschwört. Eine bemerkenswerte Leistung.

"Laufet Brüder eure Bahn" . Vieles ist auch Routine. Etwa die Solisten: Catriona Smith (mit bemerkenswerter Höhe), Anja Jung (mit warmem Timbre aber etwas zurückhaltendem Ausdruck), Christian Elsner (mit leuchtendem, kräftigen Tenor) und der ganz kurzfristig eingesprungene Andreas Macco (mit elegant nasalem Bassbariton) agieren auf erfreulichem Niveau. Das wiederum schwankt beim — ebenfalls multinationalen — Orchester leider. Etwa im extrem schnellen Scherzo oder generell bei vielen Übergängen und Tempowechseln, wo Beuerles Dirigat an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt. Erfreulich wiederum ist auch hier die klangliche Disposition, die dem in jeder Hinsicht expressiven Gestus der Musik gerecht zu werden sucht.

"Hat ein Geist sich aufgeschwungen" . Dass die Aufführung nicht nur nach blindem Jubel sondern sozusagen nach den Wurzeln, nach der Genese eines Jahrtausendwerks sucht, unterstreicht die philologische Ernsthaftigkeit des Projekts. So gesehen kann man in der Tat die "charakteristische" (Beethoven) Ouvertüre um den scheiternden römischen Helden Coriolan und seine c-Moll-Fantasie für Klavier, Chor und Orchester als Stationen in des Komponisten allzeit zähem Ringen um die optimale Ausdrucksform begreifen, als Prototypen aus dessen Versuchsküche. Denn gerade die formalen Merkwürdigkeiten der Fantasie erschließen sich nur vor dem Hintergrund der Neunten. Tibor Szász macht dieses Ringen im Klaviersoloteil ganz greifbar, obwohl auch sein Vorwärtsdrang gegen Ende der Fantasia auf Grenzen stößt. Die Utopie des Abends, sie kommt hier schon im Chorfinale zum Ausdruck: "Wenn sich Lieb’ und Kraft vermählen, lohnt den Menschen Göttergunst" . Der frenetische Beifall nach Konzertende war dennoch von Menschenhand.

Alexander Dick